Computereinsatz im Fernschach

Schachprogramme im Fernschach

Ein paar Tips für Anfänger und Einsteiger von Reinhard Schiendorfer & Hans Graf

 

Generell

Aktuelle Versionen der bekannten Schachprogramme wie z.B. Stockfish, Komodo, Houdini usw. gewinnen im Nahschach Zweikämpf gegen die besten Spieler auch gegen top 10 Grossmeister. Das ist vermutlich der Grund für das Vorurteil, im Fernschach würden ja alle nur den Computer laufen lassen und nicht mehr selber spielen. Ganz so simpel ist Fernschach aber nicht. Der menschliche Faktor wirkt immer noch entscheidend mit.

 

Eröffnung

Ich kenne keinen guten Fernschachspieler, der die Eröffnung dem Computer überlässt. Einige spielen ihre Lieblings- und Spezialvarianten, andere spielen keine Variante zweimal und wieder andere versuchen sich mit unkonventionellen Zügen wie 1. a3 und den Gegner sogleich zum Nachdenken zu zwingen..

Bücher, Partiebibliotheken und ein generelles Verständnis für die Entwicklung der Steine sind in dieser Spielphase viel wichtiger, als ein Schachprogramm. Dieses dient vor allem dazu, die Züge aufzuzeichnen und grobe Fehler zu entlarven.

 

Mittelspiel

Im Mittelspiel d.h. wenn die Offiziere ihren Platz gefunden haben, sind die heutigen Schachprogramme sehr starke Angreifer und Verteidiger. Sie sehen die gegnerischen Tricks voraus und können rechtzeitig geeignete Verteidigungen finden. Das ist der Hauptgrund für die hohe Remisquote im Fernschach.

Einige Schachspieler verwenden den Modus <Daueranalyse>. Das Programm rechnet dann Varianten durch und bewertet sie in Bauerneinheiten. Die absoluten Werte sind aber mit äusserster Vorsicht zu geniessen und differieren in vielen Stellungen von Programm zu Programm. Immer wieder kommt es vor, dass das Programm nicht weit genug vorausrechnen kann und deshalb wichtige Züge nicht berücksichtigt. Manchmal genügt dann ein einziger weiterer Zug, damit die Pointe der Variante in Sichtweite kommt, wonach sich die Bewertung der ganzen Variante schlagartig stark verändert.

Geht man auf diese Weise Schritt für Schritt vorwärts, entsteht eine Variante, die es aber kritisch zu hinterfragen gilt. Die Züge sind oft unzusammenhängend und folgen keinem konkretem Plan. Besonders in geschlossenen Stellungen lohnt es sich, eine Strategie zu entwickeln. Aber auch der gewiefteste Stratege ist nicht gegen taktische Schläge gefeit. Dafür haben die Schachprogrammierer eine perfekte Lösung geschaffen. Man gibt die strategisch wünschenswerte Variante ein und verwendet den Modus ‚Fehlersuche‘. Interessanterweise arbeitet sich die Maschine dann vom letzten Zug an rückwärts durch die Variante und sucht nach schlechten Zügen. So hilft uns das Programm taktische Fehler zu vermeiden und unsere Strategie erfolgreich umzusetzen.

 

Endspiel

In Endspielen mit wenigen Figuren rechnen die Programme sehr tief. Allerdings werden diverse Stellungen falsch eingeschätzt, insbesondere bei Materialungleichheit. Das Programm kann also +2.00 anzeigen, obwohl ein Endspiel theoretisch Remis ist.

Alle guten Programme erlauben es, Endspieldatenbanken einzubinden. Endspieldatenbanken verfügen über vollständiges Endspielwissen zu Schachstellungen mit wenigen Steinen. Es gibt inzwischen Endspiel-DVDs mit nahezu allen Stellungstypen bis zu sechs Steinen. Eine Abfrage der Datenbank zeigt hierzu in jeder Stellung, ob bei beiderseits bestem Spiel Weiß oder Schwarz gewinnt und welches der „beste“ Zug ist, oder ob die Stellung remis ist und welche Züge das Remis erhalten. Diverse Programme greifen automatisch auf solche Datenbanken zu, wodurch sich ihre Spielstärke in Endspielen deutlich erhöht.

2012 meldete die Universität Moskau, dass die Datenbanken mit sieben Steinen vollständig erstellt sind. Sie umfassen ca. 140 Terabyte.

 

Vor der Partie

Während einer Fernschach-Partie ist der Computer ein unverzichtbarer Helfer, doch auch schon vorher kann er von grossem Nutzen sein. Auf dem ICCF-Server können alle Partien eingesehen werden, die unser Gegner in den letzten 10 Jahren gespielt hat. Es ist natürlich viel zu riskant, die Lieblingsvariante des Gegners widerlegen zu wollen. Aber wenn man weiss, dass der Gegner den Erfolg im Königsangriff sucht und im Endspiel öfters mal verliert, dann kann das Entscheidungen zwischen zwei ‚gleichwertigen‘ Fortsetzungen sehr erleichtern. Gut auch, wenn man weiss, ob man den Gegner mit der Abriegelung oder dem Öffnen des Zentrums mehr aus dem Konzept bringen kann. Ob man ihn mit scharfer Taktik oder langweiligem Positionsgeschiebe mehr unter Druck setzen kann. Solche Informationen können den Unterschied zwischen Remis und Sieg ausmachen.